Der Brauch des Witwerschlüssels

Inventarnummer: MJ95/ 3260
Maße: 9,5 x 3,7 cm
Material: Silber, gegossen, Filigranarbeit
Datierung: Ende 19./ Anfang 20. Jahrhundert
Herkunft: Österreich

Witwerschlüssel - was ist das? In der Sammlung von Walter Mulej im Museum Köflach findet sich ein kleiner Silberschlüssel mit dem man nichts aufsperren kann. Der Witwerschlüssel ist ein symbolischer Schlüssel und steht in Verbindung mit einem Brauch, der im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert in Österreich und Süddeutschland verbreitet war.

Zu Beginn: Ein kleines Schlüssel ABC

Ein Schlüssel besteht aus mehreren Elementen: Reide, Gesenk, Schaft (oder Halm) und Bart. Der Griff wird als Reide bezeichnet, diese weist je nach Entstehungszeit unterschiedliche Formen und Verzierungen auf. Das Gesenk ist eine Verdickung zwischen Reide und Schaft und begrenzt die Einschubtiefe des Schlüssels. Darauf folgt der Schaft, auch Halm genannt, der schließlich im Schlüsselbart endet. Der Schaft kann massiv (Volldorn) oder hohl (Hohldorn) ausgeführt sein. Der Bart ist das Herzstück des Schließmechanismus, auch er ist je nach Entstehungszeit unterschiedlich geformt.

Objektbeschreibung

Ein Witwerschlüssel ist ein kleiner, aus Silber gegossener Schlüssel. Obwohl Witwerschlüssel nichts versperren, sind sie ähnlich aufgebaut wie konventionelle Schlüssel. Die Reide wird von zwei Kreisen gebildet (man spricht von einem sogenannten Zweipass), die von einem geschwungenem Dach und einer Kugel bekrönt werden. Zusätzlich ist sie mit Filigranspiralen geschmückt. Im Zentrum der Kreise befinden sich jeweils Schlägel und Eisen. Ein Hinweis darauf, dass der Schlüssel einem Bergmann gehört haben könnte. Es handelt sich um einen Volldornschlüssel und der Schaft ist mehrfach abgesetzt. Hier befindet sich auch eine Öse um den kleinen Schlüssel an der Kette der Taschenuhr befestigen zu können. Der Bart ist rechteckig mit geschwungenen Seitenteilen, darin befinden sich wieder zwei Filigranspiralen.

Am Schaft kann man auch zwei Punzen erkennen. Punzen sind eingeschlagene Marken, die den Hersteller und den Feingehalt eines Gegenstandes aus Silber anzeigen können. Unser Schlüssel hat eine Punze mit den Buchstaben FP. Hierbei handelt es sich vermutlich um die Initialen des Herstellers oder Werkstattinhabers. Die zweite Punze zeigt eine figürliche Darstellung, die nicht mehr genau erkennbar ist. Es könnte sich um einen stilisierten Löwenkopf handeln. Dieses Motiv wurde in der Monarchie von der Mitte des 19. bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts (1867 - 1922) benutzt, um kleine Geräte und Schmuckstücke aus Silber mit einem Feingehalt von 750 zu kennzeichnen. 

Witwerschlüssel und Schlüsselgewalt

Witwerschlüssel zählen zu den symbolischen Schlüsseln. Das bedeutet, sie sperren keine wirklichen Schlösser, sondern sind Symbol für ein Ereignis oder einen bestimmten Sachverhalt. Obwohl sie in vielen Sammlungen zu finden sind, weiß man verhältnismäßig wenig über sie.

Der Brauch einen Witwerschlüssel zu tragen, war im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert in Österreich und Süddeutschland verbreitet. War die Ehefrau verstorben, trugen Männer sie gut sichtbar an der Kette ihrer Taschenuhr. Es war ein Symbol dafür, dass der Mann nach dem Tod der Ehefrau die Schlüsselgewalt zurückerhalten hatte. Traditionellerweise hatte die Frau die Schlüsselgewalt im Haus inne. Dies hat seinen Ursprung bereits in römischer Zeit, der Braut wurden am Hochzeitstag die Schlüssel übergeben. Auch Jakob Grimm überliefert, dass Schlüssel das Symbol hausfräulicher Gewalt waren. Die Schlüsselgewalt verlieh der Frau Rechte innerhalb und auch außerhalb des Hauses, dazu gehörten der freien Zugang zu und die Verwaltung von Vorratshaus und Vorratstruhen, wie auch gewisse Finanzgeschäfte.

Mit dem Tod der Frau bekam der nun verwitwete Ehemann also seine Schlüsselgewalt wieder. Und trug sie, nach angemessener Trauerzeit, mit dem Witwerschlüssel an der Uhrenkette auch gut sichtbar vor sich her. Wohl auch als Botschaft an die Damenwelt, dass er bereit war sich neu zu verheiraten – also seine Schlüsselgewalt neu zu vergeben.

Text: Julia Pfisterer, BA

Literatur:

Deutsches Schloß- und Beschlägemuseum (Hg.): Wer den Schlüssel nicht ehrt…. Velbert, 1990.

Fielhauer, Hannelore: Schlüssel und Schlösser. Wien, 1987.

Morgenroth, Ulrich: 4000 Jahre hinter Schloss und Riegel. Eine kleine Menschheitsgeschichte der Sicherheitstechnik. Velbert, 2006.

Pall, Martina: Angewandte Kunst des täglichen Lebens. Die Entwicklung von Schloss und Schlüssel. In: Kulturberichte 2006 Tirol und Südtirol. Alltagskultur 60 Nr. 451/ 452 (Dezember 2006), S. 92 - 96.

Pankofer, Heinrich: Schlüssel und Schloß. Schönheit, Form und Technik im Wandel der Zeiten aufgezeigt an der Sammlung Heinrich Pankofer, München. München, 1973.

Russwurm-Biró, Gabriele: Eine Schlüsselsammlung im Landesmuseum Kärnten. Ein Vorbericht zur Aufarbeitung der ehemaligen Sammlung Erich Herrmann. In: Rudolfinum. Jahrbuch des Landesmuseums für Kärnten (2001/ 2002), S. 305 - 316.

Weblinks:

Wolters, Jochem: Reallexikon zur deutschen Kunstgeschichte VIII (1985) Sp. 1062-1184 s.v. Filigran (Filigranarbeiten, Filigrandraht), Online: RDK-Labor, www.rdklabor.de/wiki/Filigran_(Filigranarbeiten,_Filigrandraht) (Zugriff 03.01.2019).

www.lickl.net/2h/punzen.pdf (Zugriff 03.01.2019).