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Museum News

Foyer im Rathaus Köflach / EG

Rathausplatz 1 | 8580 Köflach
 

Die Präsentation HEUTE IST MORGEN GESTERN wurde im Sommer 2014 im Rathaus Köflach mit dem Thema "Magdalenakirtag" eröffnet. Weitere Themen waren "Advent in Köflach", "Schlammkatastrophe" und "Fasching". Wert wird darauf gelegt Vergangenes und Gegenwärtiges zu zeigen, wie war es damals, wie heute. Lassen Sie es sich nicht entgehen alte Fotos zu betrachten, in Zeitungsberichten zu schmökern und sich einen kurzen Film anzusehen.
 

Wenn Sie Ideen oder Vorschläge für uns haben, können Sie uns unter stadtmuseum.koeflach@gmail.com erreichen.
 

HEUTE IST MORGEN GESTERN
steht für Kreativität, Innovation und Nachhaltigkeit eines Konzepts, welches sich zur Aufgabe macht „museale Themen“ in die Bevölkerung hineinzutragen.
Das, was gestern noch in der Zukunft lag, kann Morgen schon im Museum sein.
Doch was passiert im Hier und Heute?

Fernab und losgelöst von Präsentationssälen, Depots und verstaubten Schubladen existiert im Foyer des Köflacher Rathauses nun ein interaktiver Raum, ein „Schaufenster“, eine „Spielwiese“, welche die Bevölkerung und Besucher der Stadt anregen und einladen soll sich an der Umsetzung eines gelebten Kulturbegriffes HEUTE zu beteiligen.
Dieser „Teaser“ ist eine museale Installation, welche je nach Thema Geschichten, Objekte und Artefakte präsentiert. Sie ist auch Plattform und Kommunikationsfläche. Eine Art Mikro–Ausstellungsbereich, ein kleines feines Format, das durch die Teilnahme jedes einzelnen Besuchers über seine eigenen räumlichen Grenzen hinauswachsen wird.


 


Dr. Hans Kloepfer

Dichter und Arzt, Dr. Hans Kloepfer
Eibiswald 18.08.1867 – Köflach 27.06.1944


 

150. Geburtstag des Dichters

In der Homepage wollen wir Stimmen wiedergeben, die in den Jahrzehnten seit Kloepfers Tod in der steirischen Presse erschienen sind. Wenn man den Zeitraum seines Lebens bedenkt, so haben wir es mit gewaltigen Umbrüchen zu tun. Von den festgefügten Strukturen der Monarchie hin zum 1. Weltkrieg – geblieben ist ein kleines Österreich und vergebliche republikanische Versuche, die letztendlich scheiterten an der überwältigenden Bewegung des Nationalsozialismus. Und wieder ein Weltkrieg, dessen Ausgang so Mancher als Katastrophe, die Geschichte aber als europäischen Neuanfang gedeutet haben.
In diese Zeit also fällt Kloepfers Leben. Kein Wunder, dass auch er versucht hat, politisch zurecht zu kommen. Er hat die Bauern zum Nationalsozialismus aufgerufen und Adolf Hitler ein Huldigungsgedicht gewidmet. Das sind gewiss tiefe Narben in der Biografie Kloepfers und hat seiner Familie sehr geschadet. Sein Gesamtwerk aber unter diesen alleinigen Aspekt zu stellen, greift auch zu  kurz.
Sehr tief gehen seine historischen Arbeiten. Die umfassende Kenntnis des bäuerlichen Denkens und Daseins ist in den Dialektgedichten meisterhaft dargestellt. In seiner hochdeutschen Poesie hingegen wendet er sich mehr an die Welt des Bildungsbürgertums.
Am Freitag,  dem 18. August 2017 um 19.00 Uhr findet zu seinem 150. Geburtstag am Rathausplatz (bei Schlechtwetter im Kunsthaus) eine Lesung aus Kloepfers Werken statt. Dazu konnte Steiner Franz mit dem Altsteirer Trio gewonnen werden.
Gleichzeitig ist im Erdgeschoß des Rathauses eine Ausstellung zur Person Kloepfer zu sehen.
Bei weiterem Interesse besteht die Möglichkeit, sich im Museumsdepot nach telefonischer Voranmeldung (Tel. 03144/2519-710 oder 0664/2528587) über Werke und Leben Kloepfers näher zu informieren. 

 

Öffnungszeiten im Rathaus:
Montag bis Freitag von 08.00 bis 12.00 Uhr
Dienstag und Donnerstag von 13.30 bis 17.00 Uhr

 

 

 

ERINNERUNGEN AN MEINEN VATER

Von seinem Sohn Prof. Dr. Hans Georg Kloepfer
(begonnen in Köflach, am 17. Dezember 1945)

Am Samstag, wenn ich – als Student, oder später als junger Lehrer – aus Graz kam, stand schon immer der Vater am Bahnhof in Köflach. Die Fahrt hinaus war mir immer wieder wie eine Vorbereitung auf diesen Augenblick erschienen, wie ein Blättern in einem lieben, alt vertrauten Bilderbuch, in dem die schönsten Seiten zuletzt kommen. Die ehrwürdige Lokomotive, den trichterförmigen Riesenrauchfang bedächtig vor sich herbalancierend, hatte es nicht eilig. Gemächlich gleitet die Landschaft draußen vorüber. Lagerschuppen, Schrebergärten, dann die Laufteppiche der Felder, hinter denen die Türme der Stadt immer mehr versinken, Hügel krönende Schlösser und Kirchen, im Hintergrunde der Schöckel, kantig darüber gelagert, wie ein riesiger Briefbeschwerer das Grazer Feld. Aber nach einer halben Stunde Bahnfahrt ändert sich das Bild. Bei Lieboch grüßt schon der freundliche Kainachboden zu den Fenstern herein, Vaters Reich. Nicht mehr so weiträumig, wie das Grazer Feld, hügeldurchschnitten, von kleinbäuerlichen Siedlungen aufgelockert. Und über die letzten fernen Wälder schwingt sich der Kranz der Almen im weit gespannten Bogen, fast über die Hälfte des Gesichtskreises. Über ihrem letzten Saum ist nur mehr Himmel. Da reicht unser irdisches Leben nicht mehr hinauf, und was sich jenseits in den Tälern regt, ist schon eine andere Welt. So kehrt die Fernensehnsucht gerne wiederum vor diesen uralten Wächtern, die ihre Arme offen halten, dich ans Herz der Heimat zu ziehen. Stärker noch wird dieses Gefühl traulichen Geborgenseins, wenn wir nach Oberdorf – der letzten Haltestelle – vom gleinalmüberwölbten Kainachtale Abschied genommen haben und nun am Karlschacht vorbei in die eigentliche „Köflacher Bucht“ hineinfahren. Neugierig blickt der Köflacher Kirchturm aus dem hintersten Talwinkel über die Schulter, und die treuen Wächter ringsum stehen auch noch auf ihren Plätzen: Der schneidige Zigöller, der Laudon Kogel, der den langrückigen Hans- und den kleinen rundlichen Franziskanerkogel an seiner breiten Brust hält, und dahinter, schon über dem Waldwuchs, das Wunschbild meiner alpinistischen Knabenträume, das Brandkögerl, wie ein grünes, verwittertes Steirerhüttl. Und dazu dann noch die Gössnitzer Wiesen und die von Edelschrott, aller künftigen Schifreuden voll. – Ja, da bin ich nun wirklich daheim, es kann nichts mehr geschehen, und wenn das Bähnle auch immer langsamer wird und verzweifelte Ermattungsschnaufer von sich gibt – diese Fahrt kann nur mehr enden an Mutters Jausentisch.

Und der Vater steht am Bahnhof. Er kommt jeden Samstag zum Zug, um mich zu erwarten, und mir ist, als habe ich mich die ganze Woche so recht eigentlich nur auf diesen Augenblick gefreut – Nach der ersten Begrüßung tritt er einen Schritt zurück, die den Spazierstock haltenden Hände auf dem Rücken, und aus dem etwas schief geneigten Kopf leuchten mir unter den buschigen Brauen seine braunen Augen entgegen – mit einem Blick, wie ihn nur Vater hat: scharf zupackend und doch warm, gütig, fast ein wenig schalkhaft. Da wir uns zum Gehen wenden, - wir müssen nur den Bahnhofsplatz überqueren, um zuhause zu sein – spüre ich aus Gruß und Blick der Leute wieder einmal die allgemeine Liebe und Achtung, in die ich mich immer wieder eingebettet fühlen darf an Vaters Seite.

Dann sind wir zuhause. Da riecht es schon herrlich nach Kaffee. Oben auf der Treppe steht die hohe Gestalt der Mutter im stilvollen, altertümlichen Bürgerkleide. An der Seite der Eltern – zu so einem Vater kann man nur so eine Mutter haben – betrete ich die Wohnung im ersten Stock. Zuerst kommt man in den „Salon“, wie wir ihn nach einem wohl etwas veralteten Sprachgebrauch immer genannt haben. Die harmonische Beharrlichkeit und stille Kultur, die das ganze Haus durchwärmt, kann auch durch die rote Plüschgarnitur nicht gestört werden, die hier schon seit einem Menschenalter die feierlichen Besucher zum Sitzen einlädt. Der Barocksekretär aus eingelegtem Kirschholz borgt, sauber in Bündeln geordnet, Einzelabdrucke von Vaters literarischen Arbeiten, Zeitungsausschnitte, Briefe und ähnliches. Wie viel Fleiß und Ordnungsliebe steckt da drinnen! Dem kurzen Baumbachflügel, der in der anderen Ecke steht, verdanke ich viele schöne Stunden. Wie oft und wie gern habe ich Vater zugehört, wenn er – mit Vorliebe in der Dämmerstunde – davor saß und spielte. Klassische Musik liebte er und ließ sich gerne etwas davon vorspielen. Der schweren Modernen war er weniger zugetan, besonders dort nicht, wo sie zu problematisch wurde auf Kosten des Melodiösen. Er selbst spielte leichte Musik temperamentvoll, heiter, liebenswürdig, gewandt im Improvisieren. Dass er ein genauer Kenner und Könner auf dem Gebiet des steirischen Volksliedes war, wird niemals verwundern. Viktor Zack, der einzigartige Meister auf diesem Gebiet, (in dessen Grazer Haus ich als junger Gymnasiast eine so freundliche Heimstatt gefunden hatte) war darin unser unantastbarer Hausheiliger. Sein „Heiderich und Petergstamm“ lag immer griffbereit. Übrigens spielte Vater sonst nicht nach Noten. Aber sein Spiel hatte immer etwas Schöpferisches, Improvisiertes an sich – die ganze Melodienseeligkeit Altösterreichs konnte zu guter Stunde aus ihm lebendig werden. Wie blitzten mich seine ,Augen an in fast übermütigen Triumphe, wenn er beim Vortrag eines österreichischen Militärmarsches (den ich seither nie wieder so wirklich „zündend“ spielen hörte) aus den stolz daher prunkenden Bässen die sentimentale Kantilene des Trios aufsteigen ließ.! Im Melodiebogen eines echten Marsches müsse immer ein Stückchen Philosophie stecken, meint er. Dass er selbst als Komponist schöpferisch tätig war, wollte Vater nach außen hin nie so recht wahr haben. Doch bergen seine Schreibtischladen die Szenarien und Noten zu zwei Singspielen, und manches einschmeichelnde Lied darauf hat er mir vorgespielt. Seine Vertonung des Kernstock’schen Vagabundliedes aber ist zum Gemeingut der Studenten geworden, ohne dass viele wussten, wem sie diese Weise zu danken hätte.

Für jede gesunde Neuerung war Vater sofort zu haben, voll Aufmerksamkeit und Anteilnahme bis zuletzt. Die moderne Musik aber, wo sie atonal wurde oder zu Jazz entartete erregte seinen abgründigen Unwillen. Sein Kampf um die Reinhaltung des Rundfunks in dieser Hinsicht blieb nicht nur im Theoretischen stecken. Sonst ein geduldiger Zuhörer am Radio, konnte er denn seiner Entrüstung in messerscharfer Kritik – „Lausbüberei, Satanismus“ – Luft machen.

Das Wohnzimmer nebenan! Wie ist mir dieser Raum ans Herz gewachsen! Da ist jedes Stück mit Liebe ausgewählt, mit Bedacht an seine Stelle gerückt, „angewohnt“ in des Wortes ursprünglicher Bedeutung, oft schon über ein Menschenalter, vom Geist des Hausherrn irgendwie freundlich überglänzt, von der liebevoll bewahrenden Sorgfalt der Mutter treulich gehütet, und so lebt es sich zum anheimelnden Ganzen zusammen: Der tiefbraune, mächtige Schrank in der Ecke, um den es noch etwas „barockelt“; der solide Esstisch in der Zimmermitte und der Ziehlampe „altdeutsch“ wie die dazugehörige „Kredenz“; das altgediente, im letzten Jahrzehnt blau überzogene Sofa, darauf Vater sein Mittagsschläfchen hielt, die Zeitung auf der Brust und die Brille meist noch auf der Nase; das Gesimse darüber mit den eisernen Opfertieren, den Zinntellern, Krügen und alten Gläsern, und dem Kripperl, dessen Figuren Meister Unterholzer als 15-jähriger mit seinem Taschenfeitl geschnitzt hat – und endlich Mutters Biedermeiersekretär, voll in „edler Einfalt“, und darüber zwischen den Schattenrissen Alttübinger Studenten die alte Standuhr auf ihrem Postamentl. Besinnlich verrinnen ihre silberhell ausgeschlagenen Stunden, während der Kosak am Perpendikel vor dem Spiegelhintergrunde unverdrossen sein Tagespensum abreitet und zwei pausbäckige vergoldete Löwen geduldig das Zifferblatt tragen.

Das Wohnzimmer liegt im ersten Stock in der Südostecke des Hauses. Durch seine drei Fenster schaut die Sonne vom frühen Aufstehen bis zum Nachmittag herein, im Sommer umgrünt es der Garten mit Busch und Baum und im Winter wirbeln die Flocken vorbei und die Meisen picken mit ihren Schnäbeln vernehmlich an die Scheiben, wenn ihr Futterhäuschen vor Mutters Nähtischfenster ausnahmsweise einmal nicht mit den Überbleibseln des Frühstückssterzes bestellt wurde. Über die Bahngeleise und den altertümlichen Bau des Kalkofens geht der Blick vor hier zu den Wiesen von Edelschrott. Der Bahnhof gegenüber gewährt vier- bis fünfmal am Tage das Sensationchen ankommender Züge. Die an- und abfahrenden Autobusse, die den Platz davor mit ihrem Schnarren und Toben erfüllen, erregten anfangs den heftigen Zorn Vaters, später hat er sich – bei seiner mit zunehmendem Alter zu abgeklärter Lebensweisheit gediehenen Meisterschaft, sich in Unvermeidliches gelassen zu fügen – damit abgefunden und die brutalen Ungetüme wohl kaum mehr gehört.

Zum Essen im Wohnzimmer wurde der Vater – wenn er nicht direkt aus der Praxis kann und wir sein unbesorgtes Singen und Pfeifen oft schon aus dem Stiegenhaus hören konnten – aus seiner Studierstube gerufen. Dann öffnete sich die weiß lackierte Tür – manchmal etwas verspätet, wenn er, ein Meister der Zeitausnützung noch schnell irgend einen Absatz auf der Schreibmaschine zu Ende klopfen wollte – und er trat über die Schwelle, sich in Erwartung der Tafelfreuden in einer für ihn so bezeichnenden unnachahmlichen Art die Hände reibend.

Vaters Studierzimmer war für uns Kinder ein kleines Heiligtum, wie Mutter in ihrer vornehm-gütigen beherrschten Art es immer verstand, ausgleichend, beruhigend und sänftigend zu wirken und alles Störende und Laute von Vaters Wegen fern zu halten, hatte sie auch uns Kinder daran gewöhnt, den Vater unter keinen Umständen zu stören, wenn er darin arbeitete. Da machten wir lieber den Umweg über das Stiegenhaus, um aus dem Kinderschlafzimmer unsere Spielsachen zu holen, und nur zum Gutenachtsagen gingen wir auf den Zehenspitzen hinein. Über dem Schreibtisch hing an einem schwenkbaren Arm eine Zuglampe. Ihr milder Schein lag auf der grünen Platte, die bedeckt war von Schriften und Büchern, auf Vaters durchgearbeiteten, ausdrucksollen Händen, auf seinem lieben Gesichte mit den warmen Augen unter der barock vorgewölbten Stirn. – Das übrige Zimmer lag im Dunkeln, eine Deckenbeleuchtung fehlte. Es war Vater wohl nicht wichtig genug, eine solche einrichten zu lassen. Es genügte ihm, eine Taschenlampe auf seinem Schreibtisch zu wissen, mit der er die Bücherregale ableuchten konnte, wenn er etwas suchte.

Vaters Studierzimmer ist ein kleiner Raum, wenig mehr als 2 Meter beträgt der Abstand zwischen den beiden Türen. Die zweite Tür führt ins Elternschlafzimmer und über ihr fügen sich eine alte Bibel, ein Kruzifix, eine Hellebarde zwei alte Krüge und ein Sulmtalerhut verträglich zu einem Stillleben zusammen. Die eine Zimmerhälfte zwischen Tür und Fenster wird fast zur Gänze vom Schreibtisch eingenommen, sonst ist jede verfügbare Wandfläche bis hoch hinauf mit Bücherregalen gefüllt. Da stehen neben der medizinischen Fachbücherei alle wesentlichen Werke und Quellen zur steirischen Geschichte und vom schönen Schrifttum wohl fast alles, was bleibenden und gegründeten Wert hat im Geistesleben unseres Volkes. Auch viele Neuerscheinungen gibt es in dieser Bücherklause, die von Vater – „in dem triebhaften Wunsch, Bücher zu besitzen“, wie er sich mit leichter Selbstironie äußert – erworben oder in späteren Jahren auch von den Verlagen zugeschickt wurden. Der Schreibtisch ist ein mächtiges Meisterstück alter Handwerkskunst, wohl über hundert Jahre alt, so baut er sich bodenfest auf vier kurzen Füßen über tiefen Laden zur Schreibplatte auf, die, mit grünem Tuch überspannt, wieder zum Fundament wird für eine Fülle von Laden und Lädchen, zwischen denen vorgewölbt ein Tabernakel das ganze Werk krönt. Wenn er aber seinen Dienst getan, lässt er seinen Rollbalken über sich ziehen und schweigt verschlossen, wenn auch unversperrt, wie ein Ritter mit herunter geschlagenem Visier in dem übrigen Hausrat seiner Bücherstube. Nicht das feinste Altersfältchen hat die Zeit in sein biederes Gesicht gezogen, und wie zum Lohne nach strenger Fügung an Wand und Laden, die auf Millimeterbreite sich leicht schieben lassen, hat sein Meister in die Edelholzmaserung seiner Schauseite Schmuckmuster und laufende Zierrahmen eingelegt und so die schwere Wucht mit leichter Hand überspielt. In den tiefen Laden dieses Schreibtisches liegen eine Reihe von vollgeschriebenen Notizbüchern wie sie Vater immer zur Hand sein mussten, auf seinen ärztlichen Wegen oder nach dem Zubettgehen auf seinem Machttisch, denn er pflegte, wenn er nicht schlafen konnte – was freilich nicht allzu häufig vorkam – oft stundenlang im Bette zu lesen oder zu schreiben. Wenn ich ihn auf seinen ärztlichen Wegen begleitete, konnte es oft sein, dass er – nachdem er schon eine Zeitlang nachdenklich und einsilbig gewesen war – stehen blieb, um etwas in sein Notizbuch zu schreiben – einen Einfall, wie er ihm beim Gehen gekommen war, vielleicht nur ein paar Worte oder Reime, die ein leuchtendes Bild umreißen sollten. „Gleich aufschreiben, wenn’s auch nur ein knapper Satz ist, meist hast du damit schon das Ganze“. Oft hat mir Vater diese Worte von Meister Zack eingeprägt, den er nicht nur als den Erforscher des steirischen Volksliedes, sondern auch als grundgescheiten Menschen liebte und schätzte. Von seinen besten Sätzen und Reimen sagte Vater, er könne mir heute noch den Baum oder das Bildstöckl ansagen, wo sie ihm eingefallen seien. Zuweilen ließ er mich, wenn ich ihn auf seinen Krankenwegen begleitete, Einblick tun in seine literarische Werkstatt. Meist war ein besonders lebendig und farbig geschautes Bild die Keimzelle, aus der sich dann das Weitere entwickelte. Auch im Träume sah Vater solche Bilder voll eindringlicher Klarheit, die er bis in Einzelheiten wiedergeben konnte, etwa bis zu den Schildern der Häuser und den abgegriffenen Messingknöpfen an den Türen beim Gang durch eine mittelalterliche Stadt. Oder er beschrieb mir das Eingangsbild zu einer Novelle, das ihm bis ins Kleinste deutlich und lebendig vor Augen stand. Die Schwierigkeiten für ihn, sagte er, lägen dann daran, die Personen in Bewegung zu bringen, eine logische Handlungsfolge zu entwickeln. Eine Fülle klargesehener Bilder strömte ihm auch aus seinen historischen Studien zu. Oft konnte es freilich sein, dass die für seine Zwecke brauchbare Quintessenz aus dem Studium eines dickleibigen Folianten nur ein Satz war für seine „Geschichte von Eibiswald“ oder für eine Novelle – „Aber der hat dann Glanz und Farbe“. – In den Abend- und Nachtstunden ging’s dann am Schreibtisch an das Übertragen, Feilen und Ausarbeiten des tagsüber Erdachten, Erwanderten, Erschauten. „Lyrische Lauskramerei“ nannte das Vater wohl manchmal im Spaß, in Wirklichkeit aber war ihm dieser Dienst am Wort, dieses Feilen und Bosseln eine liebe und sehr ernst genommene Arbeit, die er – zu guter Stunde wohl auch bei einem Glas Wein und einer Virginia-Zigarre – so lange oblag, bis er wusste: „Das kannst Du einfach nicht mehr besser sagen“.

So entstand das meiste von Vaters dichterischem und historischem Lebenswerk nach sieben Uhr abends, nach einem Arbeitstag, randvoll erfüllt von seinem harten aber geliebten und von ihm immer an erster Stelle gesetztem ärztlichen Berufe, und ständig bedroht von der Nachtglocke hilfesuchender Patienten. – „Wenn man halt den Morgen für sich haben könnte! – Es ist unglaublich, um wie viel frischer man da zum Arbeiten ist“. Aber die Erfüllung dieses Wunsches war ihm nur in kargen Ferienwochen gegönnt.

 

Sein äußeres Handwerkszeug waren, da er gegen Füllfedern eine kaum überwindbare Abneigung hegte, eine Schreibfeder, deren Spießigkeit bei sonstiger Vorliebe für gutes Werkzeug erstaunlich war, und ein Tintenzeug in Form eines Glaswürfels, das wir als Kinder wie ein Zauberding bestaunten, weil die Öffnung wie bei einem Starenhäusl auf der lotrechten Seite lag, ohne dass Tinte heraus floss.

Die Ausarbeitung – meist schon bis zur endgültigen Fassung – und die Niederschrift der Notizbuchentwürfe erfolgte in Quarthefte, denen allen der Vater den bezeichnenden Titel „Von meinen Wegen“ auf den Umschlag schrieb. Das erste trägt die Jahreszahl (vom Autor nicht bezeichnet), das letzte (XIII?) wurde am 1. April 1944, wenige Wochen vor Vaters Tode, begonnen. Vieles darinnen ist stenographiert, anderes (besonders natürlich die Mundart Gedichte) ausgeschrieben. Leider ist Vaters Handschrift zwar sehr charakteristisch, aber nur äußerst schwer lesbar. Ein handgeschriebener Brief von ihm (in späteren Jahren bediente er sich dazu freilich fast ausschließlich der Schreibmaschine) war ein zwar freudigst begrüßtes Ereignis, in das sich aber stets die bange Sorge mischte, ob seine Entzifferung den versammelten Familienmitgliedern auch gelingen werden. Vater selbst erledigte diese Frage mit der ihm eigenen liebenswürdigen Selbstironie souverän: „Was ihr nicht lesen könnt, tragt zum Apotheker, der wird schon ein Rezept daraus machen“.

Und doch gewährt es mir einen seltsamen ehrfürchtig genossenen Reiz, wenn ich in diesen Heften blättere – wie viel Liebe, Freude, Fleiß, Zucht, Gescheitheit – wie viel Können ist da am Werke!

„Nun fährt der reiche Herbst zu Holz
und hat sein fürstlich Jagen,
wenn noch zum Tanz des Blättergolds
Windmühlen klingend schlagen!

Wie sicher die Meisterhand, die – mit Einfügung nur einer Reimzeile Leben und Fülle dieses frohtrunkenden Gedichtes so mächtig zu steigern wusste.

Nun fährt der reiche Herbst zu Holz
Und hat sein fürstlich Jagen
Hat seine Lust und seinen Stolz
Wenn hoch zum Tanz des Blättergolds
Windmühlen klingend schlagen!

Manch kräftiges Sprüchlein mag der schöne alte Schreibtisch gehört haben, wenn die Flut der unerledigten Briefe kaum mehr zu bewältigende Ausmaße angenommen hatte. Bei einem lebhaften brieflichen Gedankenaustausch mit den meisten geistig bedeutenden Männern unserer Heimat und weit darüber hinaus konnte es leider nicht sein Bewenden haben. Besonders in späteren Jahren war Vater von seinen Briefschulden – zumal den „kleineren Geistern“ gegenüber – oft sehr geplagt. Es ist unglaublich, mit welchen Anliegen sich die Leute oft an ihn wandten, ganz abgesehen von den vielen Auch-Dichtern, die nach freigebig eingesandten Proben sich eine „aber wirklich ganz aufrichtige und strenge“ Beurteilung ihrer Versuche erbeten hatten. Dabei brachte es Vater auch in aussichtslosen Fällen nur schwer übers Herz, dem Einsender entweder gar nicht oder trocken- ablehnend zu antworten. – Trotz starker Eigenpersönlichkeit konnte er sich da viel zu sehr in das Wesen und die Wünsche der anderen hinein versenken, und bei aller kritischen Strenge gegenüber dem eigenen Werk war er den Versuchen anderen gegenüber von wahrhaft väterlicher Milde.

Seinem eigenen dichterischen Werk gegenüber war Vater von großer Bescheidenheit“ „Wenn halt einmal nur ein schmales Bändchen von mir in irgendeiner Bibliothek verstauben würde - !“ sagte er einmal in der Frühzeit seines Schaffens, als er an der „Geschichte von Eibiswald“ arbeitete. Er liebte es auch nicht sonderlich, über seine Dichtung zu sprechen. Nur wenn ich ihn auf seinen Krankenwegen begleitete, sprach er mit mir von literarischen Plänen oder ließ mich teilhaben an den kleinen Kostbarkeiten neuer Einfälle – Schon Erledigtes noch einmal durchzugehen, war ihm eine überflüssige Zeitverschwendung. Sein stets tätiger Geist suchte wieder nach Neuem, wenn eine Arbeit getan war. „Man soll nicht noch einmal in dieselbe Kerbe hauen“ – das galt ihm fürs praktische Leben ebenso wie für die Kunst. So konnte es denn wohl auch sein, dass ihm manches aus seiner eigenen Dichtung später nicht mehr geläufig war. Einmal saß ein lieber Freund unseres Hauses, ein Grazer Rechtsanwalt, bei uns zu Tisch. Es war angeregt und gemütlich, und nach einer kleinen Pause freundlicher Versunkenheit sprach der Gast die Worte vor sich hin, - „und Licht und Wärme füllt das ganze Haus –„. Auf die angeregte Frage, von wem denn der hübsche Vers sei, - Vater selbst hatte meines Erinnerns auf seinen Liebling Gottfried Keller geraten – meinte der Gast endlich lächelnd zum Hausherren: „aber das ist doch von Dir selbst“ und er nannte ihm das Gedicht – eines der persönlichsten, innigsten, „häuslichsten“, das Vater geschrieben hat.

In einer der Schreibtischladen lagen auch Vaters Skizzenbücher, mit feinen, kleinen Arbeiten aus früheren Jahren – auch uns Kindern hatte er Bogen gefüllt mit Hirschen und Hunden, mit Reitern, Rossen und Wagen – und seine Schnitzwerkzeuge, fein geschliffen unantastbar für den entweihenden Gebrauch durch unberufene Hände. Es gehört zu meinen frühesten Kindheitserinnerungen, dass in einem ebenerdigen Zimmer unseres Hauses eine Hobelbank stand, an der Vater Köpfe und allerlei Getier aus Lindenholz schnitzte. Besonderen Eindruck machten uns die von ihm selbst geschnitzten Köpfe zu einem Kasperltheater – Kasperl, Hexe, Räuberhauptmann, Teufel und Drache -, die heute noch in ihrer eindrucksvollen Drastik seine Enkel erfreuen.

Dass vor allem anderen als Erstes der ärztliche Beruf stand, hat Vater immer wieder betont. Nach den knappen Ferien, nach Dichterfahrten, Ehrungen und Anregungen in der großen Welt sich wieder in die „liebe kleine Praxis einzuspinnen“, war ihm eine Lebensnotwendigkeit. Freude am tätigen schaffen, ein rascher klarer Blick, Lebensweisheit, Güte und Humor, ein menschlich mitführendes Herz – diese Wesenszüge kamen dem Arzt wie dem Dichter zugute. Zwischen diesen beiden Hälften seines Erdenwirkens gab es keine Widersprüche, da gab es nur Ergänzung, Steigerung, harmonische Durchdringung. Was der Arzt erlebte förderte den Dichter – und umgekehrt! Seine Hand lag am Puls seines Mitmenschen, sie spürte den lebendigen Schlag seines Herzens, seine Augen sahen ihn wie er war, ohne Tünche, sein Ohr hörte die feinsten Abtönungen seiner Sprache, seiner Mundart.

Eines freilich: der Tag hätte mehr als 24 Stunden haben sollen. Denn wie sah es zur Zeit der Hochpraxis aus? Von 8 bis 11 Uhr die Ordination mit bis zu 80 und mehr Patienten, vorher oft schon ein paar Morgenbesuche. Dann die kleineren Visiten im Ort oder in den Personalhäusern, das Mittagessen oft durch eine dringende Abberufung unterbrochen und am Nachmittag die größeren Wege, die oft stundenweit ins Gebirg hinauf führten, und auch bedeutende touristische Leistungen darstellten – besonders früher, wo es noch keine Autobusverbindungen gab und Pferdefuhrwerk oft nicht zu haben war. Wenn man alle die Krankenwege aneinander reihte, die Vater zu Fuß zurücklegte – ich glaube, dass er im Laufe seines Lebens ein paar Mal um die Erde gegangen ist. Er war ein begeisterter Anhänger des Fußgehens ein durch und durch motorischer Mensch. „Wenn dich etwas recht bedrückt, wenn du etwas besonders Schweres mit dir auszumachen hat, dann musst du gehen“ hat er mir oft geraten. Sein Lieblingsweg war die „Neue Straße“ vom „Revierstollen“ hinter dem Köflacher Bahnhof gegen Lankowitz zu sanft ansteigend, mit ihrem schönen freien Blick zwischen Hans- und Zigöllerkogel in die Gleinalm hinein und talaus über unser Städtlein und das Rosentaler Kohlenrevier bis hinunter gegen Voitsberg. Dort ging er gerne am Morgen oder in der Dämmerstunde sich „die Seele auslüften“, wie er sagte.

Wie oft durfte ich Vater auf seinen Krankenwegen begleiten! Zu jeder Stunde des Tages und auch des Nachts, bin ich an seiner Seite gegangen, zwischen den wogenden Erntefeldern des Sommers, durch die farbenklare Schönheit des steirischen Herbstes, durch Nebel und Flockenschleier, unter den Frühlingsbäumen, in deren Blühen von fern der Schnee der hohen Almen herein schimmerte. Was haben mir diese Stunden bedeutet! Über alles, was mich innerlich beschäftigte, konnte ich mit Vater sprechen wie mit einem guten Kameraden. Wie gern wartete ich auf ihn, oft recht lange, vor den Personalhäusern, während er darin seine „Visiten“ machte – und wenn er dann heraustrat, von seinem struppigen Hündlein umsprungen, in einer Hand den Spazierstock, in der anderen die Tasche mit den ärztlichen Instrumenten, und mir aufmunternd zunickte – dann war es jedes Mal eine warme Welle von Freude, Liebe und Geborgensein, die mich umfing. Gern blieb er, der Vielbeschäftigte, dann auch stehen, um ein paar vertraute Worte zu wechseln – mit einem invaliden Bergwerksveteranen, der vor seinem Hasenstall am Handwerkszeug bosselte, mit einem alten Weiblein vor dem Hausgarten, mit einem jausnenden Bauernknecht am Rande des Kornfeldes. Und alle dankten es ihm und wussten, was sie an ihm hatten – trotz manch raschen und auch heftigen Worten, zumal in früheren Jahren. Je älter Vater wurde, desto mehr trat auch nach außen hin seine abgeklärte Güte in Erscheinung, seine lächelnde Lebensweisheit, die gegenüber der Vielgeschäftigkeit modernen medizinischen Treibens die ewige Mutter Natur als höchste Meisterin heilend am Werke wusste. So wusste er sich auch „durch die Flut der Medikamente, die ihm der Siegeslauf der modernen Medizin vor die Füße warf, mit Bedacht hindurchzuschlagen“. Doch blieb der immer ein Anhänger der strengen Schulmedizin, der klinischen Methoden, der – auch theoretischen – ärztlichen Fortbildung im praktischen Leben. Besonders als Geburtshelfer war er in seinen besten Jahren weithin bekannt und gesucht, und seine Ernennung zum korrespondierenden Mitgliede der deutschen Gesellschaft für Gynäkologie ist eine Auszeichnung, die er meines Wissens nur mit ganz wenigen praktischen Ärzten teilt.

Während bei kleineren Anlässen, heraufbeschworen durch Verständnislosigkeit, aufdringliche Dummheit oder Mangel an Taktgefühl, besonders in jüngeren Jahren, Vaters schwäbisches Temperament manchmal ein wenig mit ihm durchgehen konnte, bewunderte ich bei schweren Fällen immer seine gelassene, Zuversicht und Kraft spendende Ruhe. Seine kluge Freundlichkeit, sein völliges Verstehen der Volksseele, sein Humor und nicht zuletzt auch seine bis ins Feinste gehende Beherrschung der Mundart machten ihn zum vertrauten Freund der Bauern und Arbeiter. Auch von ihm galt, was er von seinem Vater sagte: „ – so ging es von seiner klugen Hand, wenn sie den Puls fühlte, wie ein leises Strömen der Beruhigung aus, die mich seine ärztliche Kunst über alles bewundern ließ --.“

Und erst die Besuche bei unseren Bergbauern! Das waren für Vater immer die liebsten Wege. Erst die Anfahrt durch die langen Gräben – mit dem hoch originellen, aller Späße kundigen Fiaker Luttenberger, dem freundlichen Herrn Bader, an dessen Fahrzeugen – Pferdewagen, dann Auto – wir die Motorisierung unseres Zeitalters gemächlich miterlebten, schließlich den treu besorgten Herrn Muralter. Dann ein Aufstieg über steile Leiten – wobei es mir selten gelang, Vaters Bergauf-Tempo durch irgend eine kleine List mit Rücksicht auf sein Herz zu mäßigen – er wollte immer „erst einmal oben sein“ – und bis uns endlich der urtümliche, altersbraune Bergbauernhof umfing, wo man schon schwer auf den Helfer in der Not gewartet hatte. Doch ließ mich Vater fast nie in die Krankenstube – nur ein Fall in der oberen Graden ist mir erinnerlich, wo ich nach einem Gang über Mondschein überglänzte, schneeige Höhen beim Einrichten eines gebrochenen Oberschenkels schweißtriefend Hilfe leisten konnte. Auch blieb er gegenüber allen späteren Erörterungen über den jeweiligen Krankheitsfall verschlossen – ein Grundsatz, den er schon von seinem Vater übernommen hatte. Aber wie gemütlich war es dann, wenn ich von der Bäuerin zur Jause herein geholt wurde und der Vater in seiner knappen unmerklichen Art so viel Interessantes aus den Leuten heraus zu fragen wusste. Und erst der Heimweg an seiner Seite!

Dass Vater mit Leib und Seele Arzt war, hat er immer wieder durch die Tat, durch Wort und Schrift bezeugt. Als Arzt war er tätig bis zu seinem Sterbetag im 77. Jahre seines Lebens, kurz nach Vollendung seines 50. Köflacher Berufsjahres. „Durch 50 Jahre Arzt in Köflach“ steht über seinen Wunsch als einziges Gedenken auf seinem Grabstein. An seinem Begräbnistage hörten wir im Rundfunk die Übertragung einer Schallplattenaufnahme, die vor einigen Jahren in seiner Ordination gemacht wurde. Da tönte uns noch einmal seine Stimme entgegen, wie eine Vorhersagung, die sich inzwischen in ergreifender Weise erfüllt hatte: „Für mich gibt es nur eines: Sich bis zum letzten Hauch verbrauchen – „So war ihm sein Wunsch, „in den Sielen zu sterben“, in Erfüllung gegangen – wie seinem Vater, der auch Landarzt war und den von seinem letzten ärztlichen Besuch ein Bauernwagen schwer krank nach Hause bringen musste. So wollte auch Vater noch am Morgen seines Todestages ohne ein sichtbares Zeichen von Ermüdung oder einem Nachlassen seiner Schaffenslust seine Ordination aufsuchen, musste sich aber dann nach einem kurzen Unwohlsein ins Bett lagen und erlag in wenigen Minuten einem Herzanfall.

Die doppelte oder eigentlich dreifache Lebensleistung – als Arzt, Künstler und Historiker – bewältigte Vater neben seinem aus innerster Berufung kommenden Fleiße vor allem durch genaueste Zeitausnützung, und darin war er – in einer nach außen freilich kaum auffallenden Art – Meister. Während die Familie etwa nach den Mahlzeiten oft noch gerne plaudernd beisammen saß, kam es häufig vor, dass sich Vater auch wenn Gäste da waren – sofort wieder in sein Studierzimmer zurückzog.

Es trage eben jeder, meinte er, seinen Motor in sich; und ihm war Trägheit und jedes dolce far niente von Natur aus unmöglich. Ich erinnere mich noch gut der komischen Entrüstung, mit der er einmal in Velden am Wörthersee einen Liegestuhl, den ich ihm anpreisen wollte, zurückwies. Die scharfe Zeiteinteilung des ärztlichen Berufes brachte es mit sich, dass er sein ganzes Leben sozusagen mit der Uhr in der Hand gehen musste. So hatte er sich auch für seine Urlaubstage meist schon ein „Programm“ zurecht gelegt, auf dessen zeitgerechten Ablauf er pflichtbewusst bedacht war. Da ließ er denn wohl, wenn sich bequemere Familienmitglieder irgendwo zu „versitzen“ drohten, den Deckel seiner goldenen Taschenuhr, die er an einer starken, altväterlichen Kette trug, ermunternd springen – eine Geste, die freilich von jener feinen Selbstironie begleitet war, wie sie eben nur Vater, wenn er wollte, so versöhnlich – humorvoll zu Gebote stand.

Die volle tätige Ausschöpfung des Lebens war für Vater eine innere Notwendigkeit. Er hielt es da mit Horaz:  „Carpe diem!“ Und mit Gottfried Keller: „Trinkt, ihr Augen, was die Wimper hält von dem goldenen Überfluss der Welt!“ Dabei war Vaters Tätigkeitsdrang, seine Arbeitsfreude und sein Pflichtbewusstsein durchaus nicht von der Art, dass sie sich den anderen etwa als Vorwurf auf das Gewissen gelegt hätte – im Gegenteil: gönnte er anderen jede Freude. Wenn er uns etwa bei einem Vergnügen in der Stadt oder einem Ausflug auf die Alm wusste, dann ging er doppelt gerne seiner Arbeit nach. Altruismus in jeder Form war ihm eine innere Lebensnotwendigkeit. Äußerlichkeiten nahm Vater nicht wichtig „Man muss das Wesentliche vom Unwesentlichen zu unterscheiden wissen“ war einer seiner Lieblingsaussprüche. Über die Tücke des Objektes freilich – Schreibmaschine, Kragenknopf, Selbstbinder – führte er oft bewegliche, komisch übertriebene Klage. Seiner eigenen Kleidung gegenüber war er eher zwanglos und oft rührend bescheiden und konservativ. Alt bewährte treue Gegenstände entließ er ungern aus dem aktiven Dienst. So trug er gerne, seit ich mich erinnern kann, in der kälteren Jahreszeit eine eng anliegende schirmlose Filzkappe, die mit den Jahren schon ziemlich abgewetzt und schäbig wurde. Als Ersatz verfertigte ihm meine Frau eine schöne, neue Mütze aus schwarzem Pelz mit dazugehörigen Handschuhen. Er bedankte sich für das Weihnachtsgeschenk in reizender Weise, versicherte, wie dringend er es benötigte – und hielt weiterhin der alten Veteranin die Treue.

Bedeutenden Neuerungen gegenüber war Vater aber durchaus zugänglich. Zu einem Flug Klagenfurt – Graz mit Mutter ließ er sich – etwas zögernd, aber dann doch gerne – überreden. Dem Rundfunk schenkte er lebhafte Anteilnahme, und auch in das Kino ging er verhältnismäßig oft und gerne.

Für gutes Essen und Trinken hatte Vater – mit Maß – etwas übrig. Eine Bauernjause mit einem oder auch zwei, drei Glas Schilcher und dazu ein „Mullbratl – ein Selchfleisch, fein durchzogen, das er mit seinem Taschenmesser in dünnen Streifen zu einem „Keil“ hausgemachten Roggenbrotes schnitt, - war ihm in früheren Zeiten ein ausnahmsweise gern gegönnter Genuss, und wenn die öfter an die Mutter gerichtete Frage: „Und was kriegen wir heute auf die Nacht?“ am Samstagnachmittag beantwortet wurde: „Lungenbraten mit Rahmsoß“, dann hatten wir beide wohl unsere helle Freude daran. Dabei hegte er – vielleicht halb im Scherz – den Aberglauben, dass alle Genüsse des Lebens durch mancherlei Misshelligkeiten auf der anderen Seite erkauft werden müssten. Der Besuch eines lieben Freundes, ein anregendes Gespräch des Abends und dazu etwa nach einem Wienerschnitzel ein Glas Wein und eine Virginia – „da gibt’s dann sicher in der Nacht eine schwere Entbindung“ äußerte er sich oft mit philosophischem Gleichmut.

Das Schatzgräberwort „Tages Arbeit, abends Gäste, saure Wochen, frohe Feste“ stand auch über Vaters reichem Leben. Gerne sah er Gäste bei sich, die ihm die geistige Anregung, wie er sie auf seinen nicht allzu häufigen Fahrten nach Graz oder auch weiterhin nicht zu oft haben konnte, ins Haus brachten. Die drei dicken Lederbände unserer Gästebücher bewahren ‚Erinnerungen an manch schöne, besinnliche Stunde mit lieben Verwandten, mit Künstlern und Gelehrten. Die Besucher begleiteten Vater auf seinen ärztlichen Gängen oder beschäftigten sich, wenn sie länger bei uns waren, auf ihre eigene Weise; gegenseitige Unabhängigkeit war ungeschriebenes Gesetz. Zu den Mahlzeiten aber und besonders nach dem Abendessen saß man gerne in anregendem Gespräch beisammen. Aus der stillen Geborgenheit unseres Heimes hörten wir dann gerne den Pulsschlag der großen Welt, hoch gingen oft die Wogen des Gespräches in gegenseitiger Befruchtung und Steigerung, wobei es auch öfter vorkommen konnte, dass Vater in seiner lebhaften und raschen Art die Führung an sich nahm und jemand das Wort abschnitt, ohne es zu merken. Fröhliche Invasionen oft knapp vor den Mahlzeiten, unvermutete Besuche, die nur vom nahgelegenen Bahnhof her „auf einen Sprung hereinschauten“ und dann – fast immer zu unsrer Freude – sich meist gerne verweilten, später auch Neugierige, die den „Dichter in seinem Heim“ beschauen  wollten, waren an der Tagesordnung. Und die Mutter in ihrer freundlich, gelassenen Art wusste immer wieder alles in das ruhige Gleichmaß des Haushaltes einzubauen, so dass die große Leistung, die sie mit dessen Führung in all den Jahren vollbrachte, bescheiden zurück trat.

Ins Wirtshaus ging Vater nicht zu oft, aber wenn, dann gern. Beliebt waren seinerzeit am Samstagnachmittag die „Dämmerschoppen“ (sie dehnten sich, nicht zur Freude der Hausfrau, manchmal auch bis gegen 8 Uhr abends aus) bei der „Tax Mimi“. Das war eine freundliche stattliche Wirtin, die in einem noch ganz bäuerlichen – malerisch anmutenden Haus „am Grieß“ ein schön vertäfeltes Hinterstübchen für ihre besonderen Lieblinge eingerichtet hatte. Wie gerne habe ich Vater dorthin begleitet und wie froh habe ich es immer wieder empfunden: den Zauber, der von seiner Persönlichkeit ausging, die Freude und Liebe, mit der er überall empfangen wurde. Wenn er gut aufgelegt war – und das war er in Gesellschaft fast immer – konnte er ein glänzender Unterhalter sein, angeregt und anregend, lebhaft, charmant, voll blitzender Einfälle. So wurde er auch von allen verwöhnt, und trotz aller Bescheidenheit musste er sich dabei wohl fühlen. Wie es ihm immer ein Herzensbedürfnis war, andern eine Freude zu machen, war er auch hier gerne der Gastgeber; und wenn nur irgendein Grund dazu vorlag, war es ihm eine fröhliche Selbstverständlichkeit, die Zeche anderer zu übernehmen. Niemals aber habe ich Vater nach solchen Wirtshausgängen anders gesehen als höchstens im Zustande fröhlichen Angeregtseins ein wenig „phosphoreszierend“, wie er es nannte. Oft saß er dann noch stundenlang an seinem Schreibtisch, und immer musste er gewärtig sein, aus fröhlicher Runde an das Bett eines Kranken gerufen zu werden. Nicht immer war Vater so guter Laune. Besonders in früheren Jahren war er manchmal von düsteren Stimmungen heimgesucht. Von den Jahreszeiten war ihm der farbenklare Herbst die liebste, von den Wochentagen der Samstagnachmittag. „Es gibt fast keinen Samstagnachmittag im Jahr, an dem nicht wenigstens für kurze Zeit die Sonne scheint“ behauptete er. Dagegen wusste er sich von einer „typischen Sonntagsnachmittags-Melancholie“ überschattet – noch von der Schulzeit her, wie er meinte, da der Montagmorgen mit der mathematischen Schularbeit seine dräuenden Schatten vorausgeworfen habe. Immer wieder aber brachten ihn seine tätige Lebensbejahung, sein gesunder Humor und seine abgeklärte Lebensweisheit in das harmonische Gleichmaß der Seele zurück.

Unter solch harmonischem Sterne stand auch immer wieder das Ausklingen eines schönen Sommertages in unserem Garten. Da gab es drei „Bankerln“ für die verschiedenen Tageszeiten. Vom Frühstücksplatz unter den Vogelkirschenbäumen am Spalier von wildem Wein liebte Vater besonders den Blick für das Grün der Nachbargärten hinüber zum felsigen Zigöllerkogel. Auch am Nachmittag war es da gut sitzen, wenn auf dem Obstbaum umsäumten Wege, der von hier am Brunnen vorbei gegen das Haus führte, das Mädchen mit dem Jausentablett erschien. Dagegen wurden Tisch und Bank unter dem hohen, knapp neben dem Haus stehenden Lindenbaum fast nur im Hochsommer während des Mittagessens benützt. Die besinnlichste Stunde aber verbrachten wir auf der Bank, die, fast an den Zaun gelehnt zwischen den Ribisel- und Himbeerstauden an der Südseite des Gartens stand. Hierher ging Vater gern am Abend, über die schmalen, einst mit Kies bestreuten, und nun immer mehr von den Rändern her übergrünten Gartenwege. Freundlich schaute da über die weiten Flächen der Gemüsebeete das Haus mit seiner Giebelwand herüber, seine warme Behaglichkeit umfing unseren kleinen Kreis noch immer, während sich der Blick in den sinkenden Abend weitete. „So ward uns die Ruhebank vor den Beeten zum Lieblingsplatz. Noch eben hatte die Amsel ihr Abendlied geflötet von der Giebelwand, und schon sank die Dämmerung ins Dunkel. Sterne zogen auf die Wacht, vom nahen Weiher klang der Chor der Fröschlein. Leuchtkäfer irrten durchs Gebüsch, Fledermäuse zuckten durchs Dunkel. Und über uns schwieg die Unendlichkeit des Himmels hoch und grenzenlos. Die Natur, die große, gütige, gleichmütige, stand stumm über allem Kleinmut der Zeit“. In den letzten Worte, die mir von Vater in Erinnerung geblieben sind – ich war von Wien aus über die Pfingstferien im Elternhaus – sagte er mir, wie sehr er sich auf das abendliche Ausruhen auf dieser Bank freute.

Ich glaube – und bin mir der Tragweite dieser Behauptung bewusst: Es gibt wenige Menschen, die das Glück hatten, ein solches Elternhaus ihr Eigen nennen zu dürfen. Vaters Wesen – so bestimmend und lebhaft es sich auch äußerte – war nicht von der Art, dass andere Persönlichkeiten nicht neben ihm hätten bestehen können. Für Mutters stillgütige Art hatte er immer liebevolle und dankbare Anerkennung, und uns Kindern ließ er Freiheit, soweit es nur anging. Er war ein theoretischer und praktischer Gegner der Prügelstrafe und redete uns schon als Kindern so wenig als möglich drein. Ja – ich hatte eigentlich gar nie so recht das Gefühl, von ihm „erzogen“ zu werden. Und doch hatten wir vor ihm den größten Respekt – und dabei auch wieder das größte Zutrauen. Über alles konnte ich mit Vater reden, auf den vielen, vielen Wegen, die ich ihn begleitete. Er war mein bester Freund in den Kinder- , den Jünglings- und Mannesjahren. Ich habe viel gute Kameradschaft gefunden in meinem Leben, aber neben ihm hätte keiner bestanden und ich hätte auch keinen gebraucht.

Reizend war sein Verhältnis zu den Enkeln. Das Kind, und besonders das Kleinkind war ihm ein immer neues, immer gern beobachtetes Wunder. Ein behutsamer Gärtner der Seele, störte er die Kleinen nicht in der blütenhaften Entfaltung ihres Eigenlebens, er wartete ab, er ließ sie an sich heran kommen – und sie kamen gern. Auf seinen Krankenwegen konnte er lange stehen bleiben, den Spazierstock quer auf dem Rücken haltend, mit schief geneigtem Kopfe ein stillvergnügter Beobachter: Wenn etwa zwei ganz kleine Buben, noch kaum standfest, sich lange schweigend anstarrten – und endlich, aus irgendeinem Urtrieb heraus, kämpferisch aufeinander losgingen – oder ein paar Mäderln, von denen sich das Allerkleinste, wie eine Puppe unter den Arm geklemmt, willig mit tragen ließ. Vaters besondere Liebe und Fürsorge galt den kranken Kindern. Denen brachte er Spielzeug mit – aber solid und werkgerecht musste es sein – Puppen, Holzpferdchen, Bilderbücher, - „dann werden sie früher gesund.“

Es war wohl das Naturnahe, das Vater immer wieder zu den Kindern hinzog. Darum hatte er auch die Tiere so gern. „Was wir den Tieren schuldig bleiben – „war ein oft von ihm nachdenklich vorgebrachter Satz. Vater hatte drei Hunde, deren jeder den Namen „Mandi“ führte. Den ersten muss er besonders geschätzt haben, denn auch noch nach 20, 30 Jahre erzählte er von ihm: Wie Mandi einmal im offenen Fenster des ersten Stockes döste, als eine durchziehende Menagerie des Weges kam. Der Anblick einer eben vorüber wandelnden Giraffe erschreckte ihn dermaßen, dass er jählings auf die Straße hinab fiel, glücklicherweise ohne Schaden zu nehmen. Als es mit dem Hündlein ans Sterben ging, war Vater gerade verreist. Immer wieder schleppte sich das treue Tier zum Bahnhof, wo es seinen Herrn unter den ankommenden Zugsgästen erhoffte. Leider vergeblich, Vater kam zu spät, er sah nur mehr die kleine Leiche im Korbe liegen, über die wir Kinder ein paar Blumen gestreut hatten. – Der zweite Hund, ein Dackel – im Vollbesitz der originellen Eigenschaften dieser Rasse und im Alter bedenklich schäbiger werdend und vom Bandwurm geplagt,- mochte gegenüber seinem erinnerungsverklärten Vorgänger keinen allzu leichten Stand gehabt haben. Mandi III. war ein struppiges, braunes „Weinzerl“ – Hündlein aus dem Sulmtal, von jener verlässlichen Rasselosigkeit, wie sie Vater als Zeichen von Originalität und bodenständiger Tüchtigkeit gegenüber allen degenerierten Schablonenrassen schätzte. Keinerlei Künste mächtig und auch alle Lehrversuche charaktervoll ablehnend, verfügte er doch über eine hohe Musikalität. Besonders bei den hohen Tönen sang er gerne mit und es machte Vater immer wieder geduldige Freude, uns zuzuhören, wenn ich Mandis Lieblingslied „O Mädchen, mein Mädchen, wie lieb ich dich“ auf dem Klavier spielte und er, die Vorderpfoten auf das Klavierstockerl gestützt und die weiße Kehle wie eine Frackweste aufblähend, mich spitzmündig akkompagnierte.

Die Vorliebe für die Natur, für das Urtümliche und Lebensnahe hat Vater auch zum Waidmann werden lassen. Doch war ihm zeitlebens dabei das Schauen lieber als das Schießen. Der Anblick des Wildes vom einsamen Hochsitz aus, die volkstümliche Weisheit eines alten Jägers, der ihn zur Pirsch führte, eine Almjagd mit all dem hochoriginellen Reden und Treiben der bäuerlichen Schützen, das bedeutete ihm mehr als die schönste Strecke. Als Mediziner lag ihm die naturwissenschaftliche Beobachtungsweise, das scharfe Beobachten sozusagen im Blut. Immer führte er in seiner Westentasche ein Vergrößerungsglas bei sich, um irgendein Insekt, einen Blumenkelch oder was ihn gerade interessierte, genauer betrachten zu können.

So war Vater mit allen Sinnen dieser Welt zugetan. „Die Welt wird schöner für mich, je älter ich werde!“ sagte er als hoher Siebziger. – Und nachher? „Ein paar Semester Fegefeuer werden für mich wohl herausschauen“ – das war natürlich nur Spaß. Auch übersinnliche Fragen betrachtete er vom Standpunkt des Naturwissenschaftlers, wenngleich er ein Fortleben nach dem Tode in irgendeiner Form nicht für ausgeschlossen hielt. – Dieser Gedanke war wohl stark in ihm: Kleiner Teil zu sein in einem großen Kosmos, in dessen Haushalt nichts wirklich vergänglich ist, aber alles in stetem Übergang und Wechsel, eine unverlierbare Fülle flutenden Lebens. Ein dankbarer Bejaher seines schönen und reichen Lebens, sah er darum auch der Möglichkeit seines Endes mit ruhiger Gefasstheit entgegen. Aus der Fülle tätigen Daseins, in der er bis zu seiner letzten Stunde stand, hat ihn, den Arzt, das Problem des Todes doch häufig beschäftigt, wenn er auch selten davon sprach. „Jetzt ist es mir schon recht – ich bin bereit für alles“ sagte er zum ärztlichen Kollegen, als ihn dieser wegen einer plötzlichen Unpässlichkeit am 27. Juni 1944 um 9 Uhr vormittags untersuchte. Niemand – wohl auch Vater nicht – dachte dabei an eine so plötzliche Katastrophe. Eine Viertelstunde später war er einem Herzschlag erlegen. Rasch und leicht wie er es sich immer gewünscht hatte, war ihm der Tod genaht, ein harmonisches Leben harmonisch abschließend.

Darum soll es auch nicht der Tod sein, an den ich denke, wenn ich die Blätter dieser Erinnerungen beschließe. Es ist das Leben selbst, das weiterströmt aus den ewigen Quellen einer starken und stillen Kraft, das Leben, wie es Vater so geliebt hat und wie wir es von ihm in uns weitertragen. Je älter ich werde, desto tiefer höre ich diese Quellen rauschen, aus denen schon das Kind getrunken hat, wandernd an Vaters Seite – die ewigen Quellen der Heimat. Der Vater und die Heimat – das wird immer Eines für mich sein und bleiben. – Was ist Glück -? Wenn ich zurück denke an meinen Vater und die lieben alten Bilder wieder aufsteigen aus dem Märchenbrunnen der Jugend, glaube ich es zu wissen: Eine winterliche Fahrt von der Pack herunter an seiner Seite – den Kopf zurückgelehnt in die Felle des Schlittens, das die abgründigen Gärten der Sterne langsam vorüberzogen an den verschneiten Tannenwipfeln - oder eine hohe Sommernacht, wir fahren dem „Albrechtwird zu, wo heute der Betonwall der Staumauer steht, - roter Fackelschein über dem Muskelspiel der Pferderücken, dann ein Wald so voll heimlichem Dunkel, dass man die Leuchtkäferchen für Sterne halten könnte, wenn sie still zwischen den Stämmen stehen; auf der Heimfahrt über die freien Höhen von Edelschrott ein erstes zartes Blühen am Himmel hinter der einsamen Gleinalm – und dann zuhause im weichen Bett in Schlaf sinken, wenn in der Linde die ersten Vogelstimmen wach werden. – Kleine Ereignisse, äußerlich gemessen – ein kostbarer Besitz für den, der sie erleben durfte an der Seite eines solchen Mannes. So bleibt mir der Vater immer lebendig im Antlitz der Heimat, die ich mir ohne ihn nicht denken kann. Ihr Leben – sein Leben rauscht fort über seinem Grabe, eine Sage aus Urväterzeiten, ein morgenfrohes, immer junges Kinderlied. Heute wie damals wölben sich die weiten Almen über den grünen Wäldern, läuft der Wind durch die junge Saat, plauscht das Brünnlein in den Lärchetrog, stehen die alten Höfe auf einsamer Wacht. Im Haus neben der Linde aber, in das uns der Vater vor vierzig Jahren führte, läuten jetzt – kleine, gläubige Glocken der Zukunft – die Stimmen meiner Kinder. – Der Vater kann nicht mehr auf den Bahnhof kommen, um seinem Buben zu begrüßen. Aber wenn meine Liebe ihn vermisst und meine Sehnsucht ihn sucht – sie findet ihn immer wieder in jedem Tag, den Gott werden lässt unter der Sonne der Heimat. Sein Bild geht mit mir auf den alten Wegen, was er mir gab, wirkt in mir fort, ein unverlierbarer Schatz – und der stille Abglanz seines Wesens gibt mir Trost und Kraft, gläubig zu sein und das Leben und die Menschen zu lieben. So soll es bleiben und dafür werde ich ihm dankbar sein, solange meine Augen offen stehen, das Licht der Heimat zu schauen.

 

Beendet in Köflach am 23. Juni 1946.
Hans Jörg Kloepfer

 

QUELLENANGABE: Text: Hans Jörg Kloepfer, 23. Juni 1946. Museum Köflach

 

 


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Arbeit & Feiern
Lebensbilder – Töchter und Söhne der Stadt
Zwist & Markt

 

Die Präsentation HEUTE IST MORGEN GESTERN können Sie
     MO – FR       8.00 – 12.00 Uhr
     DI und DO  13.30 – 17.00 Uhr
besichtigen.


 


Museen sind das sammelnde, speichernde und verarbeitende Gedächtnis des kulturellen Erbes unserer Gesellschaft, unserer Stadt. Museen spielen eine wichtige Rolle bei der gesellschaftlichen, insbesondere kulturellen Standortbestimmung und Strukturentwicklung. Museen sind lehrende und lernende Institutionen, welche immer wieder einer aktuellen Positionierung bedürfen. Das museum köflach ist zurzeit nicht öffentlich zugänglich. Am Konzept wird gefeilt und an der schrittweisen Umsetzung in den nächsten Jahren gearbeitet.
 

Im April 2017 startete die Übersiedlung der Sammlung Mulej, die von der Stadtgemeinde Köflach und dem Museumsverein angekauft wurde. In Zusammenarbeit mit der Universität Graz wurden die Artefakte von der Lindenhofstraße in das Depot transportiert und gereinigt.
 

Weitere Fotos finden von der Sammlung Mulej und unseren anderen Aktivitäten, finden Sie hier.

 

Depoträume

in der Polytechnischen Schule (PTS) / Dachgeschoss
Schulstraße 7 | 8580 Köflach
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Bürozeiten im Archiv

MO 10.00 – 12.00 Uhr
und nach Terminvereinbarung!
Ansprechpartnerin: Frau Michaela Gratzer

 

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Telefon: +43 (0)3144 / 25 19 DW 780, E-Mail: kunsthaus@koeflach.at
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